USA – Ankunft in Washington

(Bild: Oannes Consulting GmbH, USA/Washington DC, Januar 2020, Ankunft)

Der zivilisatorische Ursprung der Menschheit nahm seinen Anfang in Mesopotamien – dem Zweistromland, welches meine ethnische Heimat ist. Die Region im heutigen Irak, in Nordsyrien, der Südosttürkei und im Iran markiert den Beginn der Supermächte, die sich in schonungslosen Kriegen bekämpften. Ein Imperium verdrängte das andere, nur um aus der Asche des Feindes und auf dem Altar der Vernichtung eine weitere Supermacht aufsteigen zu sehen, die wiederum in verheerenden und erbarmungslosen Konflikten dem nächsten sich formierenden Imperium zum Opfer fiel.

Mit dem Aufstieg des sumerischen Reiches und der Forcierung technologischer Entwicklungen durch Kriege begann sich eine Zivilisation zu entwickeln, die Licht und Schatten zugleich bedeutete. Licht, weil der Mensch sich mitsamt seinem Intellekt, Verstandes und Erfinderreichtums die Welt untertan machte. Doch all dies geschah zu einem hohen Preis. Dem Imperium der Assyrer, welches sich mehrfach ausdehnte, folgten die Perser, die wiederum von den Griechen abgelöst wurden. Das Römische Imperium – Vorbild für Hitlers Drittes Reich – markierte seinerzeit den Superlativ der Macht in der bekannten Welt.

In allen Imperien, bis hin zum Zusammenbruch des bipolaren Machtverhältnisses zwischen den USA und der Sowjetunion, gab es regionale Konflikte, die zum Teil bis heute bestehen – so etwa im Nahen Osten. Zentrum der Auseinandersetzungen war und ist immer die Identität einer Gruppe, deren Prägung sich aus Faktoren wie Abstammung, Sprache, Religion und Tradition zusammensetzt. Toxisch und hochgradig konfliktreich wurden diese Auseinandersetzungen erst, wenn die jeweilige Supermacht versuchte, vermeintlich schwächere Gegner, Besiegte oder Minderheiten mit einer parallelen Identität zu assimilieren. Gelang dies nicht, folgten Deportation und Umverteilung in die entlegensten Gegenden des Reiches. Ziel war die Vermischung mit der vorherrschenden Bevölkerung, um die ursprüngliche Identität auszulöschen und eine neue, homogene Gesellschaft entstehen zu lassen.

In den meisten Fällen geschah dies unter Zwang. Die Methoden der Assyrer, der Römer und der Machthaber in der Sowjetunion unterschieden sich kaum voneinander. Scheiterte auch die aufgezwungene Integration in die Werte und Normen der jeweiligen Supermacht, folgte meist ein genozidales Handeln – gerechtfertigt mit der Begründung, es handle sich um einen inneren Feind, der das Imperium bedrohe. So geschah es beispielsweise zwischen 1915 und 1918 im Osmanischen Reich, als Millionen Armenier, Assyrer, Aramäer und Chaldäer aufgrund ihres christlichen Glaubens als identitätsstiftendem Merkmal fast vollständig vernichtet wurden. In erster Linie war es die Religion dieser Ethnien, die zur Sorge führte, sie könnten dem damaligen Feind des Osmanischen Reiches – dem christlich-orthodoxen Zarenreich – die Treue halten.

Dies spiegelte die konfessionelle Färbung des Krieges wider, wie es auch heute noch oft der Fall ist. Während dieser Zeit wurden 90 % meiner Familie vernichtet. Ich bin mit dem Wissen aufgewachsen, dass ein Imperium meine Ethnie vernichten wollte, weil diese sich weigerte, sich dem vordiktierten Einheitsdenken aus Religion, Sprache und Tradition zu beugen. Allein die Tatsache, dass es innerhalb einer aufgezwungenen Norm nur zwei Optionen gibt – vollständige Assimilation oder totale Vernichtung –, führte und führt dazu, dass keine Supermacht von Dauer sein wird. Mit einer Ausnahme:

Am 11. September 2001, einem heißen Spätsommermorgen (in den USA), vernahm ich auf dem Weg ins Büro im Radio eine Nachricht, deren Sprengkraft und Irrsinn ich zunächst nicht glauben konnte. Zu Hause angekommen, schaltete ich den Fernseher ein. Egal welchen Sender ich wählte – selbst beim damals populären Jugendsender MTV –, überall sah ich die gleichen Bilder: brennende Türme, verzweifelte Menschen und Flugzeuge, die in die Twin Towers rasten. Eine Stille breitete sich aus, die selbst im beschaulichen Europa intensiv spürbar war. Ich begriff, dass diesen Ereignissen ein Sturm folgen würde, der die Welt für immer verändern sollte.

An diesem Tag wurde die letzte verbliebene Supermacht angegriffen. Es formierte sich eine neue Macht ohne territoriales Imperium, die die USA und die gesamte westliche Welt herausforderte. Mit 9/11 begann – begünstigt durch Globalisierung und Digitalisierung – ein multipler asymmetrischer Krieg. Auf der einen Seite steht eine vom Kapital geprägte westliche Welt, auf der anderen jene, die eine „Zwangsassimilation“ befürchten, um Anerkennung ihrer Traditionen kämpfen oder in ihrer Ohnmacht gegenüber den USA ihr Seelenheil im terroristischen Kampf suchen – oft mit der Religion als einigendem Faktor der „Unterdrückten“.

Das Tragische ist: Beide Seiten verkennen oft den einzigen Weg aus der Gewaltspirale. Die Erfolge der Demokratie nach amerikanischem Vorbild (PAX Americana) bescherten Deutschland, Japan und Südkorea nach dem Zweiten Weltkrieg Wohlstand und Bürgerrechte – ohne den Zwang zur Assimilation. Geprägt durch Diversität und individuelle Freiheit, bot dieser kulturelle Werteraum meinen Eltern einst Sicherheit und eine Perspektive.

Doch die USA liegen falsch, wenn sie glauben, dass sich die Demokratisierung des Nahen Ostens ebenso vollziehen lässt wie in Japan oder Deutschland. Vietnam, Afghanistan und der Irak zeigen, dass dies nicht der Fall ist. Diesen Ländern fehlte die innere Basis gemeinsamer Werte, die etwa Japan durch die Shogune oder Deutschland durch einen äußeren Feind bereits besaß. Im Irak und in Afghanistan fehlt diese Einheit. Selbst in den USA ist sie oft nicht zu finden – was jedoch Bestandteil einer freien Gesellschaft ist, die „freiwillig“ einig oder uneinig sein darf.

Und dennoch brauchen wir die USA als Supermacht in einer Welt, in der Religionsfreiheit, Gleichberechtigung, Meinungs- und Pressefreiheit gefährdeter sind als je zuvor. Autokratische Systeme führen unweigerlich zu Leid und Terror. Fake News und Populismus spalten die Gesellschaft zusätzlich.

Das Schicksal aller Menschen, die in Freiheit leben wollen, ist eng miteinander verwoben. Das gilt für Demokratien, aber besonders für Frauen, die in weiten Teilen der Welt noch immer als Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Die Französische Revolution stellte den Menschen in den Mittelpunkt und befreite ihn aus der Knechtschaft der Autokratie. Genau dieser Diskurs – der weniger feministisch als vielmehr freiheitlich ist – könnte den Nahen Osten verändern und die patriarchalen Stammeskulturen aufbrechen.

Schließlich mache ich mich auf Einladung des amerikanischen Steuerzahlers auf den Weg in die USA, um am International Visitor Leadership Program (IVLP) teilzunehmen. Ich möchte begreifen, weshalb sich die USA scheinbar von humanistischen Werten losgesagt haben. Vielleicht irre ich mich auch, und „America First“ ist ein Slogan, den ich erst noch verstehen muss.

Fast hätte ich diese Chance nicht wahrnehmen können. Da ich als Journalist oft im Nahen Osten unterwegs war, um für Menschenrechte einzustehen, wurde ich ironischerweise fast als Sicherheitsrisiko eingestuft. Mein Einsatz für genau jene Werte, die den Kern der USA bilden, hätte mich fast an der Einreise gehindert.

Aber eben nur fast …

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