Der Olivenbaum in Sindschar

(Titelbild: Oannes Consulting GmbH: Dezember 2015 – Nordirak, Sindschar – Olivenbaum)

Wenn ich mir bildlich ausmalen müsste, wie Dresden, Hiroshima oder Nagasaki nach der völligen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg aussahen, brauche ich nur auf das Sindschar blicken, das vor mir liegt. Die Hauptstadt der Jesiden, gelegen in der Autonomieregion Kurdistan im Nordirak. Wir fahren vorbei an ausgebrannten Fahrzeugen, zerstörten Geschäften, zerbombten Häusern. Überall gähnen die Krater abgeworfener Bomben. Eine Staubwolke hängt schwer über der Stadt. Militärfahrzeuge kreuzen ständig unsere Wege.

Immer wieder, nur ab und zu von Lärm unterbrochen, vernehme ich eine düstere, fast schon irritierende Stille, die wie eine Glaskuppel die zerstörte Stadt umgibt. Sprichwörtlich liegt ein Hauch des Todes in der Luft.

Bei unserem Marsch erblicke ich mehrere teils verkohlte Leichen. Neben ihnen liegen tote Hunde – teilweise nur noch in Stücken vorhanden –, die zuvor am Fleisch derer nagten, die ihr Leben verwirkt haben. Der süßliche, beißende Geruch von verbranntem Fleisch steigt mir in die Nase. Ich nehme all das emotionslos wahr. Ich fotografiere, dokumentiere, erfasse und funktioniere. So, wie ich es gelernt habe. Funktionieren gehört im Krieg dazu. Das Ausblenden von Gefühlen ist ein Schutzmechanismus. Krieg ist ein System mit eigenen Regeln, die einem übergestülpt werden. Ich sehe nicht zum ersten Mal die Resultate kriegerischer Handlungen. Und es ist nicht das erste Mal, dass ich in die zahlreichen Gesichter derer blicke, die kein Gesicht mehr haben – weil sie abgenagt, verbrannt oder einfach vom Rumpf getrennt wurden.

Und doch konnte ich nicht verhindern, dass mich eine Gefühlsregung überkam, als ich die Überreste eines IS-Kämpfers erblickte. Oder besser gesagt: das, was von ihm übrig war. Warum eigentlich sollten mich die Überreste dieser Bestie interessieren, die mit Freude Frauen und Kinder abgeschlachtet hat? Jene Opfer, deren Überreste ich zuvor in einem jesidischen Massengrab in Augenschein nehmen musste. Ja, was sollte mich diese gottverlassene Leiche, angenagt und halb verwest, interessieren? Nur ein Toter mehr, der es verdient hatte zu sterben.

Und doch überraschte mich ein Fundstück, ein Gegenstand, der neben dem Toten lag. Eine Entdeckung, die mich in meinem Innersten zerriss. Was ich dort sah, gab dieser halbverwesten, halbverkohlten Leiche einen Namen. Eine Farbe. Eine Identität. Ein Leben.

Ich wollte wegschauen, es nicht wahrhaben. Es in meinem Innersten verbergen. Die Augen verschließen, um die Illusion nicht zu zerstören, die mein Bild von diesen „Monstern“ geprägt hatte.

(Bild: Oannes Consulting GmbH, Dezember 2015 – Nordirak, Sindschar – Fotoalbum)

Neben der Leiche dieses Menschen fand ich ein Fotoalbum. Darin waren Bilder zu sehen: Aufnahmen der Familie, der Ehefrau, der kleinen Tochter. Ein Leben, wie es in jeder Familie sein könnte. Das Grauen bekam plötzlich ein Gesicht. Es verflüchtigte sich teilweise – und doch nagte es weiter an mir: Das Unverständnis darüber, dass Menschen, die in einem anderen Augenblick keine Bestien waren, anderen Kindern so viel Grausames antun konnten.

Bedrückt setzte ich meinen Weg fort, um eine der zerstörten Kirchen in Sindschar aufzusuchen. Die Syrisch-Orthodoxe Marienkirche – oder das, was davon übrig war – lag auf meiner Route. Vorsichtig tastete ich mich vor; ich wollte kein vorschnelles Ende finden und den Extremisten den Gefallen tun, in eine ihrer Sprengfallen zu laufen, die in den Nebengebäuden platziert worden waren. Von der Kirche ist fast nichts mehr übrig. Ich fand ein Metallkreuz, das ehemals als Zierde gedient hatte. Ich richtete es auf, betrachtete es und betete.

(Bild: Oannes Consulting GmbH, Dezember 2015 – Nordirak, Sindschar –Marienkirche, Kreuz. Gebet)

In meinem Gebet ertappte ich mich dabei, wie meine Gedanken um die Familie des toten IS-Kämpfers kreisten, dessen Fotoalbum ich gesehen hatte. Ich fragte mich, wie es seiner Tochter und seiner Ehefrau wohl ginge. Ich schloss sie in mein Gebet ein, weil sie es verdient haben zu leben. Sie sind Menschen und Kinder Gottes. Wenn es in dieser Stadt auch fast kein Leben mehr gab, so wollte ich es wenigstens jenen wünschen, die die wahren Opfer aller Kriege sind – egal ob Muslime, Christen oder Jesiden.

In diesem Moment kam Gabriel auf mich zu, mein christlicher Begleiter. Er zeigte auf einen Olivenstrauch, den ein Mönch vor Jahren gepflanzt hatte. Das Gewächs war – ich traute meinen Augen kaum – völlig intakt.

Es lebt. Es atmet mitten in dieser Hölle des Krieges.

Und spendet Trost.

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