
(Bild: Oannes Consulting GmbH, Iran/Teheran, Moschee auf dem Maydanm, März 2026)
Vorwort: Zehn Jahre danach
Im März 2016 besuchte ich den Iran – kurz nach dem Atomabkommen, welches maßgeblich von der US-Regierung unter Obama ausgehandelt und später unter Trump wieder aufgekündigt wurde. Das Abkommen, welches den Iran in seinem Bestreben zur Nuklearmacht einschränkte, jedoch das Raketenprogramm nicht berücksichtigte (wie manche Kritiker anmerkten), begann das Land zu öffnen. Die reformorientierten Kräfte schienen eine zaghafte Hinwendung nach außen zuzulassen.
Heute, zehn Jahre später und ungefähr zur selben Jahreszeit, fällt es mir schwer, eine schlüssige Sichtweise im Zusammenhang mit den aktuellen Entwicklungen zu erlangen. Einerseits glaube ich, dass das iranische Volk in der Mehrheit – allen voran die Frauen – ein freies Leben anstrebt. Das brutale Vorgehen der Regierung als Reaktion auf die Demonstrationen schockiert mich zutiefst. Doch gleichzeitig empfinde ich Trauer über die zunehmende Destabilisierung und die Angriffe auf das Land in seiner Gesamtheit. Hätte es keine andere Lösung gegeben? War es ein Fehler, das Atomabkommen im Jahr 2016, ausgehend von der ersten Präsidentschaft Trumps, aufzukündigen?
Ich weiß es nicht. Dennoch bin ich mir der Gefahr bewusst, dass dieser Konflikt einen Flächenbrand auslösen kann, der uns Europäer weit härter treffen könnte als die Vereinigten Staaten von Amerika. Vielleicht bringt mein folgender Artikel, den ich im März 2016 veröffentlicht habe, den einen oder anderen Leser zum Nachdenken.
Autor: Simon Jacob
Ort: Iran/Deutschland
Datum: 21.03.2016
Iran – Eine hybride Kultur
In meinem Leben habe ich viele Länder bereist und Kulturen kennengelernt. Ich habe versucht, nicht neben den Menschen, sondern mit den Menschen zu leben. Skandinavien mit seinen unterschiedlichen Völkern bot mir die Möglichkeit, Wahrnehmungen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Japan steht mit seinen Traditionen, dem immer noch existierenden Ehrenkodex der Samuraikaste und seinem feudal-gesellschaftlichen System im schweren Kontrast zum „großen Drachen“ China.
„China breitet seine Flügel aus“, wurde mir immer wieder gesagt. Unterschiedlicher könnten die Kulturen zwischen Japanern und Chinesen – wenn man den Begriff für diese Vielvölkerstaaten überhaupt so pauschal verwenden kann – nicht sein.
Südostasien, buddhistisch, konfuzianisch, muslimisch und auch christlich geprägt, ist ein Schmelztiegel der Kulturen, welcher eines gemeinsamen Nenners bedarf, um gesellschaftlich zurechtzukommen. In Singapur sind es die strengen Normen des Konfuzianismus, nach denen sich alle richten müssen. In Thailand, Laos und Kambodscha ist es die Lebensweise des Buddhismus, welcher mitunter auch radikale Formen annehmen kann.
Der arabisch geprägte Nahe Osten, mehrheitlich religiös verankert in den verschiedenen Strömungen des sunnitischen Islams – Israel und Teile des Libanon bilden hier eine Ausnahme –, ist von zahlreichen Konflikten durchsetzt und sucht seinen Weg. Die Region befindet sich im Wandel, und dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen.
Ein Land, welches ich noch nie zuvor besucht hatte, ist der schiitisch geprägte Iran. Wie geht man nun mit einer Region um, der Menschenrechtsverletzungen und aggressive Expansion vorgeworfen werden? Unter anderem auch der Wille, Israel zu vernichten, und welches bis vor Kurzem, laut Medien, danach bestrebt war, zu einer Nuklearmacht heranzuwachsen?
Meine Lösung dazu wie folgt:
Man nehme ein weißes Blatt – suchend nach dem Inhalt. Wenn keiner zu finden ist, was die logische Konsequenz bei einem leeren Blatt ist, sollte man zunächst das bereits in Erfahrung Gebrachte, sei es durch die Politik oder die Medien, erst einmal ausblenden. Nun tauche man ein in die Welt des Landes, vertiefe sich in die Grundpfeiler der Gesellschaft, welche ein staatliches Gebilde ausmachen. Dazu zählen die Religion, die Kultur und Tradition, die Wirtschaft, Kunst und Literatur, Geschichte, Architektur sowie das soziale Leben – und fange an zu schreiben. Zunächst aus dem Blickwinkel des Anderen, dann ergänzt um die eigene, mit Logik und Vernunft verwobene Sichtweise.
Tut man das, was ich in ungefähr drei Wochen mit einem sehr engen Zeitplan, Besuchen bei religiösen Führern, Politikern, staatlichen Stellen, wirtschaftlichen Vertretern und vor allem einfachen Bürgern gemacht habe, entsteht ein Bild, welches sich deutlich von der Vorstellung unterscheidet, die man im europäischen Kontext kennt.
Und damit komme ich auf ein wesentliches Problem, welches der Westen immer wieder mit einem Gebilde wie dem Iran hat und wahrscheinlich – wenn man nicht die eigene Denkweise hinterfragt – immer wieder haben wird. Aus der westlichen Perspektive betrachtet ist der Iran eine theokratisches Struktur, welche bestrebt ist, im religiösen Rahmen Kontrolle über die Bürger auszuüben. Das Leben der Iraner und Iranerinnen ist, jedenfalls nach außen, durch eine intensive Ausrichtung innerhalb religiöser Regeln geprägt. Allerdings verbirgt sich bei einer tieferen Sichtweise mehr dahinter, als augenscheinlich zu sehen ist. Viele Verhaltensweisen sind das Resultat traditioneller Werte, welche die verschiedenen Ethnien des Irans besonders durch die Lebens- und Verhaltensweisen der Frau zum Ausdruck bringen. Die Gesellschaftsform ist, wie in anderen Regionen des Nahen Ostens und Asiens ebenfalls, stark patriarchalisch geprägt – mit unterschiedlich definierten Facetten, die wiederum in Abhängigkeit zur Volks- und Clanzugehörigkeit stehen. Bei der Ethnie der Luren beispielsweise muss sich das weibliche Geschlecht dem Diktat des Mannes beugen. Die Frauen der Kaschgai hingegen genossen und genießen als traditionelles Überbleibsel verhältnismäßig viele Freiheiten.
Aus dem Blickwinkel des Orientalen betrachtet ist der Iran ein in seiner jahrtausendealten Kultur, Tradition und Religion verankertes Staatswesen, welches die Religion zum dominierenden Faktor erhoben hat, um einen möglichst kleinsten gemeinsamen Nenner in einem Vielvölkerstaat zu definieren. Die Gesellschaft konsumierte und konsumiert weiterhin, gerade wegen der vorhandenen Vielfalt und aus der Gewohnheit heraus, andere Kulturen und deren Traditionen und Werte, um einen begrenzt-multiplen Weg gehen zu können. Dabei kristallisiert sich heraus – und das ist eine besondere Eigenschaft der Iraner –, dass gerade philosophische Akzente, die ebenfalls aus der jahrtausendealten Tradition kommen, den Ausschlag für einen eigenen Weg geben, der den Maßstab für diese Region bildet.
Egal ob nun im religiösen, wirtschaftlichen, kulturellen oder gesellschaftlichen Rahmen: Der philosophische Diskurs und damit auch das Hinterfragen des eigenen Handelns spielen eine vordergründige Rolle bei allen Entscheidungen des Landes.
Dabei stellt sich die Frage, was der Iran überhaupt ist.
Iran, vollständig Islamische Republik Iran genannt (in Anlehnung an das altpersische Wort Aryanam, was so viel wie „Land der Arier“ bedeutet), hat ca. 75 Millionen Einwohner bei der vierfachen Fläche Deutschlands und zählt damit zu den 20 bevölkerungsreichsten Ländern der Erde. Ca. 36 % der Bevölkerung fühlen sich der persischen Ethnie zugehörig. 7 % bis 10 %, angesiedelt im Norden des Landes, sind Kurden, die dem sunnitischen Islam angehören. 6 % der Bevölkerung zählen zu den Luren, während die Belutschen mit 2 % eine recht kleine Minderheit darstellen. 17 % gehören zu den Aserbaidschanern, die ebenfalls schiitisch geprägt sind und teilweise in Spannung zu den sunnitischen Kurden leben. Weiterhin gibt es in den nördlichen Steppenregionen Angehörige turkmenischer Stämme. Interessanterweise macht der Anteil der arabisch geprägten Bevölkerung nur gut 2 % aus. Künstlich angesiedelt, vor allem in der Region um Isfahan, lebten früher zudem 300.000 Armenier.
Und die einst zahlreich vertretene indigene Bevölkerung im Iran, die noch vor der Ankunft der Perser im Land lebte – wie zum Beispiel die Assyrer, heute eine der letzten verbliebenen christlichen Minderheiten –, macht nur noch einen verschwindend geringen Anteil aus. Von hier aus fand die Expansion der nestorianischen Kirche statt, die ihre Fühler bis zum fernen Japan und Malaysia ausstreckte, doch nach dem Einfall der Mongolen fast der vollständigen Vernichtung anheimfiel.
Mit Kyros dem Großen, dem Begründer der Dynastie der Achämeniden, entstand das größte Reich der Weltgeschichte, welches seinen Einfluss bis ins heutige Mazedonien ausgedehnt hatte. 330 v. Chr. wurde es von Alexander dem Großen zerstört, um später durch die Sassaniden zwischen dem 3. und 7. Jahrhundert neben dem Byzantinischen Reich wieder eine machtvolle Größe in der Region zu erreichen. Bedingt durch die islamische Expansion wurde die frühere Hauptreligion, der Zoroastrismus, abgelegt und durch den Islam ersetzt. Die facettenreiche persische Kultur absorbierte den kulturellen Kodex der arabischen Eroberer und veränderte den Islam in seiner Ausführung entscheidend: hin zu einem starken philosophischen Akzent, in dem Bildung, Philosophie, Kunst und der Wert der Kultur im Allgemeinen einen hohen Stellenwert besaßen. In dieser Zeit manifestierte sich unter dem Einfluss persischer Gelehrter der Begriff des „Goldenen Zeitalters des Islams“. Eine Epoche, in der beispielsweise den Wissenschaften sehr viel Spielraum in den Bildungseinrichtungen gegeben wurde. Dies ist insofern wichtig, als man nur mit diesem Hintergrundwissen die aktuellen Entwicklungen verstehen kann. Der schiitische Islam dieser Zeit war und ist immer noch offener als zum Beispiel der wahhabitisch geprägte sunnitische Islam auf der Arabischen Halbinsel. Einen wesentlichen Unterschied bildet der Umgang mit anderen Minderheiten, sogenannten Dhimmis, die nicht der gängigen Auslegung des Islams angehörten. Imam Ali, nach schiitischer Sichtweise der legitime Nachfolger des Propheten Mohammed, trat für die Abschaffung der Benachteiligung ein. Wahrscheinlich war gerade dieser Punkt, wenn es um die Gleichberechtigung der Religionen ging, der ausschlaggebende Faktor für die Spaltung des Islams in Schiitentum und Sunnitentum.
Mit dem Einfall der Mongolen unter Dschingis Khan im Jahre 1219 n. Chr. endete die Hochblüte des Islams. Die Mongolen plünderten und zerstörten die persischen Städte. Die Bevölkerung schrumpfte dramatisch; einige Regionen konnten sich nie wieder erholen. Das Hochland schaffte dennoch ein erneutes Aufblühen, nur um 1381 n. Chr. von den mongolischen Horden Tamerlans, des „Weltenzerstörers“, abermals überrannt zu werden.
Es folgten zahlreiche weitere Eroberer mit all ihren politischen und kriegerischen Konflikten. Osmanen, Briten und Russen wollten jeweils ein Stück des Landes besitzen. Eine Region mit den weltweit größten Gasvorkommen und den viertgrößten Erdölvorkommen erweckt besonders im industriellen Zeitalter Begehrlichkeiten. Die amerikanische CIA trug zum Sturz einer Regierung bei, Monarchen kamen und gingen. Religiöse Führer übernahmen das Zepter und bilden bis heute die entscheidende Macht in einem Land, welches viele Ethnien und Religionen beherbergt.
Der Iran ist ein Land, welches mehr ist als die Summe seiner Energievorkommen, die es weltweit strategisch ins Zentrum geopolitischer Ereignisse rücken lassen. Der Iran ist Geschichte, Bildung, Kunst, Philosophie und architektonisch – geprägt durch die Epochen der Zeit – von immenser Bedeutung.
Sumerer, Babylonier, Assyrer, Perser, Griechen, Römer, Osmanen und noch viele andere Völker haben das Land geprägt und ein tiefes, breitgefächertes Wissen hinterlassen. Alles mündet in einem Satz, den mir ein junger Student in Teheran mitgab. Er sagte:
„Der Iran ist eine hybride Kultur. Wir werden nie den Westen kopieren. Aber wir können und werden von allen Kulturen das Beste übernehmen, um unseren eigenen Weg zu definieren.“

(Bild: Oannes Consulting GmbH, Iran/Teheran, Maydan nachts, Kunstgegenstände eines Händlers, März 2026)
Der junge Mann, der mir dies sagte, hat jüdische, zoroastrische, assyrisch-christliche und mandäische Vorfahren, auf die er stolz ist. Er selbst sieht sich als Muslim und vergöttert buchstäblich Hegel, Freud und Augustinus von Hippo. Außerdem hat er extra Deutsch gelernt, um sich in die deutsche Literatur vertiefen zu können.
Meine drei Wochen waren, wie eingangs erwähnt, sehr intensiv. Ich besuchte Teheran, mehrmals Ghom, die heilige Stadt der Schiiten, Isfahan – die künstlerisch bedeutendste Stadt in der Region, die ich jemals zu Gesicht bekam –, Urmia, eine urchristliche Metropole im Norden, sowie die Umgebung Urmias mit ihren zahlreichen uralten nestorianischen Kirchen.
Dieser Einleitungsbericht ist der Beginn einer Serie, die sich über 40 bis 50 Berichte über die verschiedensten Bereiche erstrecken wird. Dazu habe ich weit über 5.000 Bilder geschossen, 20 GB an Videomaterial – hauptsächlich Interviews – aufgezeichnet und unzählige Notizen gemacht.
Wenn ich die Eindrücke der ersten Tage nach meiner Rückkehr beschreiben müsste, würde ich das folgende Bild verwenden:
Es zeigt die armenische Vank-Kathedrale in Isfahan. Die Kuppel wurde von schiitischen Architekten erbaut. Das prachtvolle Mosaik geht auf das Schaffen isfahaner Künstler zurück. Die wunderschönen Fresken wurden von italienischen Künstlern zum Leben erweckt.

(Bild: Oannes Consulting GmbH, Iran/Armenische Vank KIrche in Isfahan, März 2026)
Ich begebe mich nun daran, das weiße Blatt zu füllen.