
(Titelbild: Oannes Consulting GmbH, September 2015, Türkei, Demre, Nikolauskirche)
Mein Bild des heiligen Nikolaus – im Aramäischen „Mor Zoche“ genannt – war ziemlich lange durch die Werbung eines Brauseherstellers geprägt. So zuckersüß wie dessen Produkte ist auch das Bild des Heiligen aus Myra (dem heutigen Demre in der Türkei), das uns vermittelt wird. Doch es hat so gut wie nichts mit dem wahren Nikolaus zu tun.
Nikolaus wirkte im 4. Jahrhundert als Bischof in Myra, in der Region Lykien. Die Stadt war damals Teil des Römischen, später des Byzantinischen Reiches. Ihm wurden viele Wunder nachgesagt. Besonders faszinierte mich die Geschichte eines verarmten Familienvaters, der seine drei Töchter in die Prostitution schicken wollte, da er sie aufgrund der fehlenden Mitgift nicht verheiraten konnte. Nikolaus, Erbe eines größeren Vermögens und damals noch nicht zum Bischof geweiht, entschied sich, heimlich auszuhelfen. Er rettete die drei Töchter vor einem Schicksal, in das heute – gerade aufgrund des Elends und der Flüchtlingsströme dieser Welt – wieder besonders viele Frauen und Kinder getrieben werden. Auf meiner Reise habe ich beispielsweise erfahren, dass junge Frauen auf dem Versuch, nach Europa zu gelangen, verschleppt werden und für ca. 1.000 US-Dollar den Besitzer wechseln, um dann zur Prostitution gezwungen zu werden.

(Bild: Oannes Consulting GmbH, September 2015, Türkei, Demre, Nikolauskirche)
Ich versuche, die Gedanken und Erfahrungen der letzten Jahre – besonders im Zusammenhang mit den Entführungen kleiner Mädchen im Irak durch sunnitische Extremisten – abzuschütteln. Konzentriert auf die spirituelle Atmosphäre dieses wundervollen Ortes, der einst eine Kirche war und jetzt ein Museum ist, betrachte ich das alte Gemäuer und die prachtvollen Fresken. Das Licht fällt nur karg in den Innenraum, und doch breitet sich an diesem sakralen Ort eine strahlende Stille aus.
Im großen Mittelschiff angekommen, war ich überrascht, als ich plötzlich einen jungen Mann erblickte. Er kniete auf dem Boden, ganz in sich vertieft und in tiefer Demut betend; er bemerkte meine Anwesenheit nicht einmal. Wieder ertappte ich mich dabei, wie meine Gedanken zu dem Mann im roten Anzug mit dem weißen Bart schweiften.
Was haben wir in unserer von Kommerz erfüllten Welt nur aus diesem Heiligen gemacht!
Das Bild, das wir heute vom Bischof dieser altehrwürdigen Stadt haben, ist das genaue Gegenteil dessen, was der auf dem uralten Boden kniende junge Mann verkörpert: Demut vor jenen, die Wunder gewirkt haben, um im menschlichen Dasein denen zu helfen, die nichts haben. Sicherlich jedoch nicht, um jene zu überhäufen, die in einer konsumorientierten Welt bereits mehr als genug besitzen.
Als ich das Museum verlasse, begegne ich einem kleinen Mädchen. Neben einer Nikolausstatue stehend, lächelt sie mich an. Ich frage mit Zustimmung der Mutter, ob ich ein Foto von ihr machen darf. Noch immer tief berührt von der Spiritualität dieses Ortes, schenkt sie mir ein Lächeln, das mehr wert ist als jeder materielle Gegenstand, den ich jemals in meiner konsumorientierten Welt erhalten habe.
Ein Stück Frieden breitet sich in mir aus.